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Rhetorik für Hypertexte – 20 Years after

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Bevor Sie diesen Artikel lesen: bitte drucken Sie ihn aus und setzen sich in einen Raum ohne Internet-Zugang!

Gibt man in Google die beiden Stichwörter “rhetorik“ und „hypertexte“ ein, so ist der erste Treffer mein Artikel in den tekom Nachrichten von 1993 mit dem Titel „Rhetorik für Hypertexte?“ (Abrufbar unter: http://bit.ly/SPni8E).

Vor 20 Jahren – das muss sich der geneigte Leser dabei klar machen – waren Web-Browser und der damit verbundende Umgang mit dem Internet noch weitgehend unbekannt. Was ist das für ein Umgang eigentlich? Für die „digital natives“ ist Hypertext heute etwas, was es schon „immer“ gab. Wie sollte es auch anders sein: Alles ist verlinkt: Websites, Twitter, Facebook, Youtube usw. „Ein Klick“ und ‚ich bin woanders‘.

Vereinfacht gesprochen steckt hinter der Hypertext-Idee ja auch nicht viel mehr: Informations-Bausteine, werden über Links miteinander verbunden. Was hat das mit Rhetorik zu tun? Und was das Ganze mit technischer Dokumentation?

Das Wort „Rhetorik“ wird häufig mit einem faden Beigeschmack verwendet und ist vielleicht etwas altmodisch, aber es zeigt, dass „das Bemühen zielgruppengerecht zu kommunizieren auf Basis versteh- und lehrbarer Methoden“, wesentlich älter ist als ‚die Technische Dokumentation‘. Und dass die neuen Medien unsere Lesegewohnheiten geändert haben, bezweifelt heute wohl niemand mehr. Wenn also die technische Dokumentation – so gesehen – eine Form von rhetorischem Bemühen darstellt und der Hypertext allgegenwärtig ist, dann hat das alles schon miteinander zu tun. Irgendwie zumindest…

Fast hätte ich gesagt: „Ich schau mal schnell im Web, was ich so dazu finden kann“… Aber nein: dieser Artikel soll eine Form von Meditation werden! Ich zwinge im Augenblick mal keine „Recherche“ zu machen und ‚mal schnell im Web zu schauen‘. Einfach nur durch ‚eigenes Denken‘ (was ist das schon?!) den Text verfassen. Sie – als Leser – haben jetzt immerhin den Vorteil: Sie können nur weiterlesen oder zusammenknüllen. Das ist doch schon mal was. Keine Links zum anklicken, die einen wegführen und ablenken. (Haben Sie den Artikel wirklich ausgedruckt?)

Die Verführung, dem Link zu folgen, ist groß: Vielleicht ist ja ‚dort‘ das zu finden, was ich suche? Klar ‚wo anders‘ ist es doch immer besser. ‚Dort‘ gibt es vielleicht mehr Futter und die Sonne scheint. Der Link befriedigt geradezu steinzeitliche Bedürfnisse, der immer weiteren Suche nach Information. Der Mensch als Informations-Trüffel-Schwein.

Und wer immer weiter geht, der kann nicht in die Tiefe gehen. Macht uns die Anklick-Sucht oberflächlich in dem was wir Lesen und aufnehmen können?

Oder mal anders gefragt – in Bezug auf die technische Dokumentation: Könnte ein Sachverständiger vor Gericht eine Dokumentation an einer sicherheitsrelevanten Stelle angreifen, weil dort zu viele, zu wenige oder die falschen Links angebracht sind? Links, die den Leser entweder zu leicht ‚weggeführt‘ haben oder die den Leser eben nicht ‚weitergeführt‘ haben? Ist das denkbar?

Wenn ja, dann sollten neben der ‚Modularisierung‘ auch die ‚Verlinkung‘ ordentlich gelehrt werden. Wenn ja, dann brauchen wir Systeme, die bei der bi-direktionalen Linkerstellung mit typisierten Links signifikante Unterstützung leisten und dazu eben eine ‚Rhetorik für Hypertexte‘. Zum einen habe ich den letzten 20 Jahren meinen Beitrag geleistet, zum anderen sind die Hochschullehrer gefragt.

Angenommen zwei Informationseinheiten A und B (‚Topics‘ jetzt auf Deutsch!) sind verlinkt (zugegeben: „verlinkt“ ist auch kein tolles Deutsch!) mit der Semantik „danach möglich“. Also „A – danach möglich – B“. So ist eben vom Redakteur dem Leser offenzulegen, ob der Link ‚von B aus betrachtet‘, bedeutet, dass „A – davor möglich“ oder „A – davor notwendig“ ist.

Übersetzt man dieses theoretische Schlaglicht zurück in den oben eingeführten fiktiven sicherheitsrelevanten Kontext, so könnte der böse Gutachter meines Erachtens sehr wohl argumentieren, dass ‚nicht klar war ‚ob diese Information dazu gehört‘ oder ‚wie diese genau dazu gehört‘ und dass deshalb ein Mensch zu Tode kam.

Ein fehlender Querverweis oder einfach nur der semantisch zu flache Querverweis wie z.B. „Siehe auch“ reicht eben unter Umständen vielleicht doch nicht aus.

An anderer Stelle hat da auch schon mal jemand drüber nachgedacht. Die „Richtlinien über die Anforderungen an Sicherheitsspezifikationen für Kernkraftwerke“ (http://bit.ly/Q4l3tD) besagen:

„…der Genehmigungsbehörde wird zusätzlich zum Betriebshandbuch eine vollständige übersichtlich gegliederte Aufstellung aller zu den Sicherheitsspezifikationen zu zählenden Angaben einschließlich der erforderlichen Querverweise auf die jeweiligen Kapitel des Betriebshandbuches vorgelegt.“

„Querverweise“ sind eben nicht einfach wahllos verteilte semantisch unterbelichtete unidirektionale „Siehe auch“-Verweise. Sondern im besten Fall didaktisch begründete, methodisch erstellte, bi-direktional semantisch reichhaltige und eindeutige Verbindungen zwischen Informationeinheiten.

Zugegeben: das Internet ist das nicht. Da ist nur alles ‚irgendwie‘ verbunden. Das ist ja das Schlimme. Aber eine Dokumentation ist auch kein Internet. Sondern sollte sie nach einem bestimmten Schema aufgebaut sein…

So: Sie können den Raum nun wieder verlassen… 🙂

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