Englische Doku, deutscher Redakteur – So klappt das

Zugegeben, ideal ist es nicht, wenn deutsche Redakteure englische Dokumentation schreiben. Aber in vielen Fällen lässt sich das nicht vermeiden, sei es weil die Konzernsprache Englisch ist, sei es weil das Produkt nur für Nutzer gedacht ist, die gut Englisch sprechen und man dementsprechend nur eine Sprachvariante pflegt. Die gute Nachricht für deutschsprachige Redakteure ist allerdings: Die Aufgabe, in Englisch zu dokumentieren, lässt sich mit ein paar Kniffen im Allgemeinen gut bewältigen.

Wo liegen die Schwierigkeiten?

Englisch haben die meisten von uns in der Schule gelernt und im Allgemeinen können wir uns auf Englisch auch gut verständlich machen. Um englische Text zu schreiben, reicht das aber oft nicht aus. Über Fehler in Grammatik oder Aussprache gehen wir im direkten Gespräch meist schnell hinweg. Und sogar wenn solche Fehler auffallen, verzeihen wir sie dem anderen meist ohne Weiteres, vor allem, wenn wir wissen, dass unser Gegenüber kein Muttersprachler ist.

Bei geschriebenen Texten sieht das anders aus. Hier haben wir mehr Zeit, uns auf den Text zu konzentrieren, dadurch fallen Fehler mehr auf. Außerdem wissen wir nicht, ob der Autor ein Muttersprachler war. Und sogar wenn wir das wissen, erwarten wir von einem professionellen Produkt, dass die beigelegte Dokumentation ebenso professionell ausgefertigt ist.

Rechtschreibung, Wortschatz und Grammatik müssen also für eine englischsprachige Dokumentation korrekt sein. Doch leider reicht nicht einmal das allein aus. Denn oft sind zwar alle verwendeten Wörter korrekt, aber sie klingen irgendwie nicht richtig. Viele Begriffe verwenden wir nur in einem bestimmten Zusammenhang oder in bestimmten Texten: „Haben Sie den Ölstand gecheckt?“ ist zu flapsig, „Haben Sie eine Inspektion des Ölstandes vorgenommen?“ klingt zu geschwollen. Im Englischen sind diese Stilregeln mindestens genauso relevant, vielleicht sogar noch ein wenig dringlicher, weil das Englische mit vielen Phraseologismen (also festen Kombinationen aus mehreren Wörtern) arbeitet. „Eine Rede halten“ kann im Englischen „to deliver a speech“ oder „to give a speech“ heißen, aber nicht „to hold a speech“. Andererseits gibt es durchaus „to hold an address“, was „eine Ansprache halten“ heißt… Es braucht viel Erfahrung, solche festen Kombinationen zu erkennen und richtig einzusetzen.

Zu guter Letzt gibt es als Fehlerquelle auch noch die gängigen Regeln der Technischen Dokumentation, die für englische Redakteure in gleicher Weise gelten wie für deutsche. Kurz, präzise, motivierend: Als Forderung ist das schnell aufgestellt, aber in der Praxis verfällt man oft doch in andere Schreibmuster. Anderseits sind gerade diese Regeln auch ein Ansatzpunkt, um sich das Leben leichter zu machen. Doch dazu mehr unten.

Was sind die häufigsten Fehler?

Was sind nun die Fehler, die wir als Deutsche besonders gerne in englischen Texten machen? Spricht man mit Redakteuren, überwiegt die Furcht vor Grammatik- und Wortschatz-Fehlern. Tatsächlich kommen solche Grammatik-Fehler auch vor. Insgesamt machen sie unter den Fehlern aber deutlich weniger als die Hälfte aus.

Unter den Grammatikfehlern sind zwei Typen besonders auffallend. Zum einen kommt es häufig vor, dass Redakteure Verben mit den falschen Präpositionen kombinieren: „close of“ statt „close to“, „in“ statt „into“ – gerade in technischer Dokumentation können solche Ausrutscher schnell zu folgenschweren Missverständnissen führen.

Der andere große Problembereich ist das Zusammenspiel zwischen Einzahl und Mehrzahl. Im Deutschen sind wir da gelegentlich ein wenig ungenau: „Befestigen Sie die beiden Klemmen in ihrer korrekten Position.“ Im Englischen muss „Position“ im Plural sein, weil es ja mehrere Klemmen sind: „Connect both clamps in their correct positions.“

Insgesamt sind aber Stilfehler wesentlich problematischer und vor allem häufiger. Dabei geht es um die Fragen, welche Wörter in welchem Zusammenhang angemessen sind, welche Wörter üblicherweise mit welchen anderen Wörtern kombiniert werden und wie die Sätze gestaltet werden.

Was kann beim Schreiben helfen?

Wenn also die korrekte Wortwahl beim Schreiben von englischen Anleitungen so wichtig ist, dann zeigt sich auch schon, wo die besten Ansatzpunkte liegen, um die eigene Performance zu steigern. Zum einen kann ein gut funktionierendes Terminologie-Management helfen, sich auf die richtigen Wörter zu beschränken. Allerdings reicht es dann nicht aus, nur Produktbezeichnungen und Bauteile im TMS zu verwalten, auch typische Tätigkeiten und häufige Satzfragmente sollte man aufnehmen.

Einen Schritt weiter geht man, wenn man sich an einen Standard wie Simplified Technical English anschließt. Hier ist der Wortschatz und wie er verwendet werden kann, weitgehend normiert. Das gibt Sicherheit, sobald man die Regeln beherrscht, allerdings bedeutet es zunächst einmal einen hohen Lernaufwand, sich die Regeln anzueignen.

Eine Nummer kleiner ansetzen kann man in diesem Zusammenhang mit einem Redaktionsleitfaden, der den Sprachgebrauch in der eigenen Abteilung oder im eigenen Unternehmen regelt. Er gibt Sicherheit bei der Formulierung und sorgt in Redaktionsteams für einen gemeinsamen Stil. Allerdings muss ein solcher Leitfaden auch laufend betreut und weiterentwickelt werden – und die Einhaltung der Regeln im Leitfaden muss beim Review der Dokumentation überprüft werden.

Wichtig ist auch die Wahl des richtigen Wörterbuchs. Es reicht nicht aus, wenn man bei einem zweisprachigen Wörterbuch nur eine einzige Übersetzung angeboten bekommt. Denn oft passt eine Übersetzung nur für einen bestimmten Kontext. Wenn wir von „Geboten“ sprechen, dann ist „commandments“ zwar ein korrekter Wörterbuchvorschlag – für den englischen Muttersprachler bedeutet dies aber immer ein religiöses Gebot und würde ihn in einer Anleitung sehr befremden. Neben einem Übersetzungsvorschlag sollte also ein zweisprachiges Wörterbuch immer auch Textstellen als Beispiele zeigen, in denen der Begriff verwendet wird. Oder es sollte ein Forum geben, bei denen sich die passende Übersetzung mit anderen Redakteuren diskutieren lässt.

Was können Systeme leisten?

Besonders hilfreich für die alltägliche Arbeit sind spezielle Sprachprüfwerkzeuge (sogenannte “Controlled Language Checker”), weil sie eine Vielzahl von Fehlern schon während des Schreibens erkennen. Als Autorenunterstützung können sie korrekte Formulierungen und Satzfragmente vorschlagen. Das erleichtert nicht nur das Schreiben, sondern spart auch Geld in der Übersetzung. Anderseits sind solche Systeme zunächst einmal mit einer deutlichen Investition verbunden.

Ein letzter Punkt dürfte allen vertraut sein, die mit einem CMS arbeiten: Alles was schon einmal (korrekt) geschrieben wurde, kann auch nicht mehr verkehrt gemacht werden. Deshalb ist ein intelligentes System für Content Reuse ein wertvolles Element in jedem Redaktionsprozess, bei dem deutschsprachige Autoren englische Texte schreiben. Ein solches System sollte allerdings nicht nur die Inhalte bereitstellen, sondern auch vermerken, ob Content-Einheiten sprachlich freigegeben sind und von wem sie lektoriert wurden. Denn idealerweise sollte man seinen Content immer von englischsprachigen Technischen Redakteuren korrigieren lassen. Ein fachfremder Muttersprachler kann zwar auch wertvollen sprachlichen Input geben, allerdings besteht die Gefahr, dass er die Regeln für handwerklich gute Dokumentation nicht kennt und z. B. einen Text zu stark fachsprachlich anreichert. Wenn das aber gewährleistet ist, dann ist ein gutes System für Content Reuse schon die halbe Miete beim Verfassen von englischer Dokumentation.

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von Anders Noren.

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